Klaus Rohwer 

Kleine Mundharmonikakunde



Startseite
privat
Hobbies...
Mundharmonika: 
Allgemeines

My harp story

Meine Mundharmonika- Publikationen:

Rezension: Garantiert Mundharmonika lernen

Die Harp-Uhr

Kleine Mundharmonikakunde

Kleine Mundharmonikaphysik

Beheizbarer Mundharmonikakoffer

Elektrische Mundharmonika

Harp-Mikrofon zum Selberbauen

Toots Thielemans - Tänzer zwischen Lächeln und Traurigkeit (Portrait)

Batida Diferente
- Mauricio Einhorn, die Mundharmonika und die Bossa Nova
(Portrait)

Jazz-Mundharmonika- spieler der Welt

Meine dreizehn Freundinnen (Satire)

Die Mundharmonika - ein musikalischer Globetrotter (Buchbesprechung)

CD-Besprechungen

Mundharmonika-Tipps

Häufig gestellte Fragen

Welche Mundharmonika für welchen Zweck?

Mundharmonika- Wörterbuch englisch - deutsch
deutsch - englisch

Mundharmonika- Geschichte

Mundharmonika- Links 

Jazz

beruflich...
Links 
Kontakt 


Zurück zum Anfang der Kleinen Mundharmonikakunde
Zurück zum Thema Einfach- und doppeltönige Mundharmonikas

Chromatische Mundharmonikas

Auf chromatischen Instrumenten kann man -- im Gegensatz zu den diatonischen -- alle Tonarten auf einem einzigen Instrument spielen und -- was auf das Selbe hinaus läuft -- innerhalb einer gegebenen Tonleiter auch nicht-leitereigene Halbtöne erreichen. Um dies technisch zu realisieren, gibt es verschiedene Möglichkeiten:

Chromatische Mundharmonikas mit Schieber

Man kann einen Schieber hinzufügen, mit dem man auf Fingerdruck bestimmte Kanäle für die Luftzufuhr sperren und dafür andere freigeben kann. Es bietet sich an, es so einzurichten, dass die Mundharmonika ohne Betätigung des Schiebers in C-Dur gestimmt ist, während bei gedrücktem Schieber die Cis-Dur-Tonleiter erklingt. Auf diese Weise erreicht man alle Töne der chromatischen Tonleiter.

Wendet man dieses Prinzip auf Mundharmonikas in Richter-Stimmung (siehe oben) an, so erhält man zwar chromatische Mundharmonikas, aber -- abgesehen von der Kernoktave -- keine über mehrere Oktaven durchgehenden chromatischen Tonleitern. Solche Instrumente werden von der Firma Hohner [5] unter den Namen Koch Chromatics (früher von der Fa. Koch hergestellt) und Slide Harps (Abb. 15) vertrieben und sind eher als Übergangsformen von der diatonischen zur chromatischen Mundharmonika zu verstehen (siehe Abb. 2b, unten). Sie werden von Hohner daher auch unter den diatonischen Instrumenten geführt. Koch Chromatics unterscheiden sich von Slide Harps dadurch, dass letztere mit Ventilen ausgestattet sind. Das macht sie zwar lauter als die Koch Chromatics, schränkt dafür aber die Möglichkeiten des bendings ein. Die Firma Seydel bietet ein entsprechendes Modell unter dem Namen Chromatic Richter Blues an.

Abb. 15: Slide Harp von Hohner Slide Harp
Tonanordnungen auf verschiedenen Mundharmonikas
Abbildung 2b: Tonanordnungen auf verschiedenen chromatischen Mundharmonikas (C-Dur); zum Vergrößern bitte auf das Bild klicken! (Öffnet neues Fenster). Für eine Gesamtübersicht aller Mundharmonikatypen klicken Sie bitte hier!

Wendet man das Schieberprinzip auf Mundharmonikas in Solo-Stimmung an, so erhält man die eigentlichen chromatischen Mundharmonikas oder chromatischen Solo-Mundharmonikas, die die verbreitetste Form der chromatischen Mundharmonika darstellen (Beispiel in Abb. 16; zur Tonanordnung siehe Abb. 2, oben). Weil man auf ihnen fortlaufende chromatische Tonleitern spielen kann, stehen ihnen alle Musikstile offen, die auf diesen Tonleitern beruhen. Das schließt vor allem den Jazz und die klassische Musik ein. Als Altmeister der Jazzmundharmonika sei vor allem Jean "Toots" Thielemans (Belgien) [11] genannt, doch gibt es mittlerweile eine ganze Reihe guter Mundharmonikaspieler auf diesem Gebiet (eine Übersicht findet sich unter [12]). Als hervorragender Vertreter der klassischen Musik sei Franz Chmel (Österreich) [13] angeführt.

Abb. 16: Chromatische Mundharmonika Chromatische Mundharmonika

Chromatische Mundharmonikas werden oft auch als Chromonika oder Chromonica bezeichnet, doch dies ist eigentlich falsch: bei diesen Namen handelt es sich um (geschützte) Modellbezeichnungen der Fa. Hohner für den deutschen bzw. internationalen Markt. Mundharmonikaspieler unter sich sprechen dagegen häufig einfach von "Chrom", wenn sie die chromatische Mundharmonika meinen.

Chromatische Mundharmonikas gibt es mit zwei bis vier Oktaven Umfang. Zweioktavige Instrumente sind allenfalls für Anfänger geeignet, am verbreitetsten sind Instrumente mit drei Oktaven. Will man klassische Musik werkgetreu spielen, so ist eine vieroktavige Mundharmonika erforderlich (Beispiel in Abb. 17). Im Jazz kommt es auch relativ häufig vor, dass der Tonumfang einer gewöhnlichen dreioktavigen Mundharmonika nach unten hin nicht ausreicht. Für diese Fälle muss man jedoch nicht unbedingt auf ein vieroktaviges Instrument zurückgreifen, sondern es gibt dreioktavige Instrumente, die um eine Oktave tiefer gestimmt sind als gewöhnlich. Diese Stimmung wird als "Tenor" (Hohner [5]), "Bariton" (Seydel [9]) oder "Baritono" (Hering [14], Abb. 18) bezeichnet und ist nicht bei allen Modellen verfügbar. (Die gewöhnliche Stimmung chromatischer Mundharmonikas müsste demnach wohl als "Sopran" angesprochen werden, doch taucht diese Bezeichnung bisher nirgends auf.)

Abb. 17: Chromatische Mundharmonika mit vier Oktaven Umfang Chromatische Mundharmonika, 4 Oktaven
Abb. 18: Chromatische Mundharmonika in Baritono-Stimmung (drei Oktaven) Chromatische Mundharmonika in Baritono-Stimmung

Auf chromatischen Solo-Mundharmonikas kann man sich nicht mehr ohne weiteres selbst begleiten, indem man die Zungenschlagtechnik für das Spielen von Akkorden verwendet, denn diese Akkorde sind -- wie bei diatonischen Solo-Instrumenten -- nicht vorhanden. In dieser Hinsicht sind die Koch Chromatic und die Slide Harp überlegen, da sie auf der Richter-Tonanordnung (siehe oben) beruhen.

Um die Vorteile der chromatischen Solo-Mundharmonika mit denen der diatonischen Mundharmonikas mit Schieber zu verbinden, erfand Cham-Ber Huang [15] (in seiner Zeit bei Hohner) die Chordomonica, die eine abweichende Tonanordnung besitzt. Es gab sogar eine Ausführung mit einem zweiten Schieber, der noch die Auswahl anderer Begleitharmonien zuließ. Chordomonicas werden derzeit weder von Hohner noch von Huang serienmäßig gebaut, aber die Firma Seydel hat ein entsprechendes Modell unter dem Namen Chor herausgebracht. Diese Mundharmonika ist aber strenggenommen keine chromatische, sondern wiederum eine diatonische, denn es fehlt eine Reihe von Halbtönen.

Sonderstimmungen chromatischer Mundharmonikas

Obwohl man ja mit einer einzigen chromatischen Mundharmonika im Prinzip alle Töne, die die (westliche) Musik erfordert, spielen kann, ist dies mitunter wenig praktikabel oder nur mit extremem Übeaufwand zu erreichen. Daher gibt es auch für chromatische Mundharmonikas Sonderstimmungen.

Das beginnt mit Instrumenten, deren Grundton ein anderer ist. So ist es zum Beispiel im Bereich der Musik, die für konventionelle Blasinstrumente wie Trompete oder Saxophon geschrieben wurde, üblich, diese nach Noten spielen, die zwar scheinbar in C-Dur stehen, aber es erklingt Bb-Dur (sog. Transponierende Instrumente). Das betrifft die gesamte "Blasmusik", aber auch große Teile des Jazz. Daher kann es für einen Mundharmonikaspieler sinnvoll sein, eine Bb-gestimmte chromatische Mundharmonika dabei zu haben, um nach Noten für (andere) Bläser spielen zu können. Dies ist aber nicht der einzige Grund: Stücke in Bb-Dur auf einer C-Dur-Mundharmonika zu spielen ist außerordentlich anstrengend, weil ganz überwiegend Ziehtöne vorkommen. Auch von daher ist also nützlich, eine Bb-Mundharmonika zu besitzen.
Generell kann man es sich als Mundharmonikaspieler einfacher machen -- Puristen werden die Nase rümpfen -- indem man für ein Stück, das in einer anderen Tonart als C-Dur steht, eine entsprechende (chromatische) Mundharmonika verwendet. Wie ich in zahlreichen Gesprächen mit (Jazz-)Mundharmonikaspielern erfahren konnte, machen es in der Tat sehr viele so.

Weitere Sonderstimmungen sind von den Mundharmonikaherstellern jedoch kaum zu bekommen (mit einer Ausnahme, siehe unten), sondern man muss sie sich entweder selbst herstellen (durch Umstimmen) oder bei einem sogenannten customizer bestellen. Brendan Power [16] -- nicht nur customizer, sondern auch selbst hervorragender Mundharmonikaspieler - beispielweise bietet folgende Sonderstimmungen an (Stand: Januar 2008):

  • Bebop (benannt nach dem gleichnamigen Jazzstil): Während bei der chromatischen Solo-Mundharmonika an den Übergängen von einer Oktave zur nächsten zweimal C nebeneinander vorkommt, wird bei der Bebop-Stimmung das linke der beiden Cs durch ein Bb ersetzt (das C# bei gedrücktem Schieber entsprechend durch B). Diese Stimmung soll das Spielen von Bebop-Skalen erleichtern. So kann man z.B. ohne Betätigung des Schiebers sowohl die C-Dur- als auch die F-Dur-Tonleiter spielen.
  • Diminished (Vermindert): Bei dieser Stimmung folgen -- ohne zwischenzeitliche Betätigung des Schiebers -- immer abwechselnd Ganzton- und Halbtonschritte aufeinander, was der sogenannten verminderten Skala entspricht. Durch Betätigung des Schiebers erhöhen sich wieder alle Töne um einen Halbton. Jede einzelne Tonart -- außer der verminderten Tonleiter -- erfordert jetzt zwar die Betätigung des Schiebers, aber es gibt für alle Dur-Tonleitern nur noch drei Muster von Schieberbewegungen, die man einstudieren muss. Dies ist besonders für Musikstile hilfreich, die häufige Tonartwechsel enthalten, wie z.B. Jazz.
  • Wholetone (Ganzton): Bei dieser Stimmung folgen -- ohne zwischenzeitliche Betätigung des Schiebers -- immer Ganztonschritte aufeinander, was der sogenannten Ganztonskala entspricht. Durch Betätigung des Schiebers erhöhen sich wieder alle Töne um einen Halbton. Diese Anordnung ermöglicht es, auf dem selben Platz, den sonst drei Oktaven einnehmen, vier Oktaven unterzubringen! Ansonsten gilt das Selbe wie für die verminderte Stimmung, außer dass es jetzt vier Muster von Schieberbewegungen sind, die man braucht, um alle Dur-Tonarten spielen zu können. Ein Meister auf Instrumenten dieser Stimmung ist Wim Dijkgraaf (Niederlande; spielt Jazz, Latin und Klassik), der allerdings in neuerer Zeit wegen der schlechten Verfügbarkeit von Wholetone-Mundharmonikas wieder normale Solo-Mundharmonikas benutzt.
  • Irish (Eddie Clarke): Bei Betätigung des Schiebers erklingen nicht um einen Halbton erhöhte Töne, sondern um einen Halbton erniedrigte. Soll besonders für irische und andere keltische Musik geeignet sein.
  • Irish (Brendan Power): Bei Betätigung des Schiebers erklingt der jeweils nächsthöhere leitereigene Ton; diese Mundharmonika ist keine chromatische mehr, sondern eine diatonische mit Schieber! Dafür lassen sich die für keltische Musik typischen Triller wesentlich leichter spielen. Brendan Power selbst ist übrigens ein Meister der Irischen Musik auf der Mundharmonika!

Eine Ausnahme bildet der Mundharmonikahersteller Seydel in Klingenthal (sächs. Vogtland): Die Eddie-Clarke-Stimmung, auch als Paddy-Richter-Stimmung bezeichnet, wird dort serienmäßig gebaut, andere Sonderstimmungen kann man gegen einen moderaten Aufpreis bestellen.

Mundharmonikas mit fortlaufend chromatischer Tonanordnung

Es liegt nahe, die Töne der chromatischen Tonleiter direkt nebeneinander anzuordnen. Solche Instrumente, bei denen auf Blasen und Ziehen der selbe Ton erklingt, gibt es tatsächlich (Hohner Chromatica, Abb. 19, früher Polyphonia), doch sie sind zum Spielen von Melodien kaum geeignet und werden nur für besondere Effekte eingesetzt.

Abb. 19: Hohner Chromatica Hohner Chromatica

Ähnlich ist der konstruktive Ansatz bei der Tombo Chromatic Single [7], bei der jedoch zwei leicht gegeneinander versetzte Kanzellenreihen übereinander angeordnet sind, wobei sich auf der unteren Reihe die Töne der C-Dur- und auf der oberen Reihe die Töne der Cis-Dur-Tonleiter befinden (Abb. 20). Die Tonanordnung wäre damit ähnlich wie bei einem Klavier (schwarze/weiße Tasten), doch befinden sich zwischen den Tönen A und B(H) bzw. A# (Ais) und B#(His = C) jeweils breitere Stege, die angeblich die Orientierung auf dem Instrument erleichtern sollen. Ein Virtuose auf diesem Instrument ist der Russe Alexey Makarevich.

Abb. 20: Tombo Chromatic Single Tombo Chromatic Single

Daneben werden vom selben Hersteller auch Instrumente angeboten, bei denen die untere Reihe gleichmäßig geteilt ist, während die obere -- diesmal tatsächlich ganz entsprechend der Klaviatur -- nur diejenigen Töne trägt, die den schwarzen Tasten entsprechen, und diese sind in ihrer Lage auch entsprechend zu den Kanälen der unteren Reihe angeordnet. Diese Instrumente umfassen drei Oktaven und werden je nach Tonlage als Soprano Pipe Horn bzw. Alto Pipe Horn (Abb. 21) bezeichnet. Über die praktische Einsatzfähigkeit ist dem Autor derzeit nichts bekannt.

Abb. 21: Tombo Pipe Horn Tombo Pipe Horn

Weiter zum Thema Elektrische und elektronische Mundharmonikas

Weitere Themen:
Diatonische Mundharmonikas
Einfach- und doppeltönige Mundharmonikas
Richter-Mundharmonikas
Solo-Mundharmonikas
Sonderstimmungen diatonischer Mundharmonikas
Begleitmundharmonikas (Akkord- und Bass-Instrumente)
Literatur- und Quellenhinweise
Welche Mundharmonika für welchen Zweck?

Ich danke den Firmen Hohner, Huang Inc. und GEWA (deutscher Distributor für Huang, Victory und Tombo-/Lee-Oskar-Produkte) für die Bereitstellung von Abbildungen. Weitere Abbildungen habe ich den Internetseiten der jeweiligen Hersteller entnommen.


HTML-Code geprüft und für korrekt befunden: 

Valid HTML 4.0!


(c) 2003 Klaus Rohwer